„Wir fühlen uns wie Heiratsvermittler“ (gekürzte
Fassung)
Bund fördert Kooperationen in Beitrittsländern
· Der Sprung nach Osteuropa gelingt deutschen Mittelständlern
leichter mit einheimischen Partnern
Von André Kühnlenz
Den Sprung nach Ungarn schaffte Klaus Reuter mit seinem Unternehmen
Aquatec-Reuter vor vier Jahren. Dort fand er in der Firma Multiprojekt aus
Budapest einen Partner, mit dem sein Unternehmen moderne Abwasserreinigungssysteme
entwickelte. „Wir wollten vor allem einen Fuß in den Markt bekommen“,
sagt der Geschäftsführer von Aquatec-Reuter aus dem sächsischen
Oschatz. Das gelang: Sieben Kläranlagen in Südungarn modernisierte
Reuter seitdem gemeinsam mit seinem ungarischen Partner, im Mai dieses Jahres
folgen drei weitere. „Anfragen erhalten wir jetzt sogar schon aus Griechenland,
Tschechien, Polen und Lettland“, sagt Reuter. Beim Sprung nach Osten profitierte
sein Unternehmen von staatlichen Fördergeldern, die die Bundesregierung
seit mehr als zehn Jahren vergibt. Will ein mittelständisches Unternehmen
in Zusammenarbeit mit Partnern aus Wirtschaft oder Wissenschaft neue Produkte
oder Verfahren auf den Markt bringen, kann es die Förderung im Rahmen
des Programms Pro Inno beantragen. Für Aquatec zum Beispiel habe das
Bundeswirtschaftministerium rund ein Drittel der Entwicklungskosten übernommen,
sagt Reuter. „Die Firmen erschließen über Kooperationen künftige
Absatzmärkte und sichern sich damit ihre Zukunft“, sagt Hans-Dieter
Belter, der im Wirtschaftsministerium für die Förderung der innovativen
Mittelständler zuständig ist. ... Im Idealfall ergänzen sich
die Partner gegenseitig. So brachten Reuters ungarische Kollegen ihre Erfahrungen
in der Verfahrenstechnik ein, die Deutschen wiederum kannten sich mit Steuerungstechnik
und Software für Kläranlagen aus. ...
Noch immer fällt vielen Mittelständlern der Einstieg in internationale Kooperationen
schwer. „Ohne die staatliche Hilfe hätten wir den Schritt niemals gewagt,
mit einem Partner aus Tschechien zu kooperieren“, bestätigt etwa Frank
Sawatzki, Geschäftsführer des Berliner Softwareunternehmen Cadkon
Systems. ... Einige Unternehmen finden bei den Nachbarn im Osten nicht nur Partner,
sondern auch Kosten sparende Alternativen. So erging es dem Konstruktionsbüro
W. U. K, einem Ingenieurbüro aus Neustadt in Sachsen. Zusammen mit dem
Forschungsinstitut für Textilmaschinen im tschechischen Liberec bauten
die Ingenieure eine Anlage zur Beseitigung von Öl nach Havarien auf
Flüssen oder Seen. „Unsere umfangreichen Versuche wären in Deutschland
viel zu teuer gewesen“, meint Geschäftsführer Dieter Uhlemann.
In Tschechien nicht. Um deutsche und osteuropäische Unternehmen zusammenzubringen,
baut die AiF seit Mitte der 90er Jahre im Auftrag der Bundesregierung ein
Netz von Anlaufstellen auf und veranstaltet Kontaktbörsen. In Warschau,
Budapest, Prag, Bratislava, Tallinn, Riga, Kaunas und Ljubljana können
sich potenzielle Partner auf rund 15 Kooperationsbörsen im Jahr kennen
lernen. Die Firma Aquatec zum Beispiel knüpfte ihre Kontakte zu den
ungarischen Partnern auf einer AiF-Kontaktbörse in Budapest. „Wir fühlen
uns oft wie Heiratsvermittler“, sagt Wolfgang Hergarten, Geschäftsführer
der AiF. Denn oft entstehen aus den Technologieprojekten dauerhafte Geschäftsbeziehungen.
... Reuter profitierte damals von den weitreichenden Beziehungen des damaligen AiF-Büroleiters in Budapest,
András Jancsó. Er vermittelte auch Kontakte zu den Behörden und dolmetschte. „Wir bauen zunächst einmal ein Vertrauensverhältnis
zwischen den Partnern auf“, sagt Jancsó. Denn wenn es um Erfindungen
geht, sind Firmen bei der Partnerwahl oft misstrauisch. Bei Aquatec ist heute
von Misstrauen keine Spur mehr. Nicht nur macht Reuter auf dem osteuropäischen
Markt gute Geschäfte, auch ist der Unternehmer seinem ungarischen Partner
gerade beim Sprung auf den deutschen Markt behilflich.
Quelle: Financial Times Deutschland, Sonderbeilage zur
EU-Osterweiterung, 1. April 2004